Filmkritik zu Heat

Schreie verhallen im Bruchteil einer Sekunde unter dem Geräusch der Kugeln. Hunderte von ihnen durchlöchern Autos, Menschen, Schutzwesten. Meter für Meter erkämpfen sich die Schützen, von Deckung zu Deckung hechten sie, während von vorn, von hinten, von links, von rechts Polizisten herbei stürmen, schießen, mal kleine Kugeln von Schrot, mal Maschinengewehre, und immer dazwischen die Schreie, die Panik der Menschen. Sie rennen immer weiter, die Angreifer, im Anzug gehüllt, und feuern, bis der Weg frei ist von unzähligen Polizisten, kauernd hinter ihren Wagen.

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Laut, heiß, schnell, Schnitt für Schnitt erklimmt ein Bild nach dem anderen den Olymp der Dramatik. Es nimmt kein Ende, minutenlang stürmen sie voran – bis am Ende nicht die Polizisten und auch nicht die Verbrecher siegen, sondern die Stille.

 

Heat bietet eine der vermutlich intensivsten Schusswechsel der Filmgeschichte. Die Schützen: Robert De Niro und Al Pacino, zwei Großmeister, zwei Legenden. In fast drei Stunden duellieren sie sich, jagen sich, verachten sich, mögen sich. Robert De Niro als Neil, als Räuber, Verbrecher. Und Al Pacino als Vincent, der Über-Polizist, der Henker. Herauskommt eine mit Abzweigung gefüllte Jagd zwischen Gut und Böse. Gut und Böse verschwimmt jedoch zunehmend.

 

Neil arbeitet seit Jahren als Räuber. Überfallt Geldtransporte. Stiehlt wertvolle Metalle. Kaum jemand zweifelt an seinen Plänen, schon gar nicht an seinen Worten. Ein vielversprechender Auftrag wartet: eine Bank. Und ein Polizist, der kaum schläft, nur arbeitet. Er heißt Vincent Hanna und lebt in dritter Ehe – übersetzt heißt das: er lebt für seinen Job, Zeit für Familie fehlt. Verbrecher, Mörder, Vergewaltiger bestimmen sein Leben und nicht das Sein als Ehemann oder Vater.

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In keine Schublade lässt sich Heat von Regisseur Michael Mann stecken. Was als üblicher Gangster-Cop-Thriller beginnt, entfaltet nach nur wenigen Minuten ein erschreckend tiefgehendes, fast zu psychologisches Drama um Rache, Liebe und Hass. Solche Gefühle, die einen Menschen beherrschen, in seinem Alltag lenken und ihn zu Dingen zwingen, die nicht nötig oder sinnvoll sind. Neil und Vincent sind solche Menschen. Weniger treibt sie das Adrenalin an der Sache an, sondern ihre Werte. Sie wollen die Besten sein in dem, was sie machen. Sie wollen alles richtig machen, vergessen dabei jedoch das Leben abseits ihrer Bestimmung. Sie sorgen für Sicherheit dort, wo man es von ihnen erwartet; bei einem Raubüberfall oder einer Schießerei, Neil und Vincent herrschen über die für ihre jeweilige Aufgabe mit der nötigen Sorgfalt.

 

Doch die beiden Männer sind nicht allein. Unterstützt durch Freunde oder Kollegen, angetrieben aber durch die Frauen, durch die Liebe. Selbst nach einer halben Stunde eröffnet Regisseur Mann neue Handlungsstränge, in denen besonders die Frauen der Polizisten oder der Räuber in den Mittelpunkt rücken. Einige von ihnen bestärken ihre Partner, sind erst die Gründe für ihr Handeln oder gar der Grund für ihr scheitern. Völlig losgelöst von den Fesseln des Genres kämpft jeder Charakter nicht nur mit seinem Alltag, sondern vielmehr mit den Problemen des normalen Lebens. Vincent vernachlässigt seine Frau, tobt und brüllt und schreit herum, wenn er die knappe Zeit findet, nach Hause zu gehen. Neil lernt eine Frau erst kennen. Chris (Val Kilmer), Neils Kumpel, kümmert sich um seine Familie. Jeder lebt nicht für den Kick beim nächsten Auftrag, sondern für ihr Leben abseits davon.

 

Daraus entsteht ein Sog aus so vielen komplexen, in sich vereint manchmal verstörenden Bildern. Keiner, nicht Neil, nicht Vincent, nicht Neil, erledigen ihre Arbeit, weil sie es wollen, zumindest nicht hauptsächlich. Atemlos inszeniert Regisseur Mann ein fast schon aberwitzig spannendes Spiel zwischen zwei Parteien, die augenscheinlich unterschiedlich, doch im Kern gleich sind. In richtigen Momenten katapultieren atemlose Trommler den Puls nach oben, im Takt pocht das Herz, während die Situation in einer Katastrophe zu enden droht. Bumm, bumm, die Trommeln beben, während die Männer im Anzug nichts ahnen, doch die Gefahr bereits da ist. Es beginnt ein gnadenloses Kesseltreiben mit unglaublicher Wucht. Selten war der Einschlag der Kugeln so laut, so intensiv, so verstörend.

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Nur um gleich die Stimmung zu ändern. Wichtig sind hier die Frauen, die Beziehungen zu ihnen, eben das Leben im 20. Jahrhundert. Ähnlich schweißtreibend wie der Schusswechsel beginnt das normale Leben einen Wettlauf um die Gunst der Räuber, der Polizisten. Regisseur Michael Mann verliert nie seinen Fokus auf die Atmosphäre, um im Rahmen der Dialoge den Zuschauer Minute für Minute den Atem zu rauben. Sei es ein nebenbei gesagter Satz, der Neils Charakter offenbart; sei es die legendäre Szene im Restaurant, in denen zwei Virtuosen, konzentriert auf ihre Aufgabe, sympathisierend für ihr Gegenüber, ein paar Worte wechseln.

 

Ob Drama, Gangster-Thriller, Actionfilm, so richtig lässt sich Heat nicht einordnen. Es schafft ein eigenes Genre, ein Eigenleben für die Dramatik und pausenlos erscheinende, aber nie ermüdende Reise durch die Abgründe von Gut und Böse. Doch ohne zwei der besten Schauspieler, ohne Al Pacino und Robert De Niro wäre all das vielleicht nie möglich gewesen. Zwei Darsteller, die in Mimik und Gestik völlig anders daherkommen, aber im Grunde doch in ihren Rollen ähnliche Motive aufweisen. Ein rasantes Tempo herrscht, wenn Al Pacino auftritt und im Eiltempo Leben retten will, sein eigenes aber durch Wutanfälle zerstört. Mit angenehmer Zurückhaltung folgt Robert De Niro, der selten große Gesten macht, sondern punktiert seinem Charakter eine gewisse Distanz und Kühle verleiht, dabei nie das Ziel aus den Augen verliert. Brillante Nebendarsteller wie Val Kilmer, Amy Brennemann, Jon Voight, Ashley Judd und Danny Trejo versorgen die Abzweigungen der Handlung mit meist beeindruckenden Leistung.

 

Letztlich stimmt einfach alles in Michael Manns Prunkstück namens Heat. Es ist ein von Anfang bis Ende perfekter Film, unerträglich am Schluss, den Puls von Beginn an kontinuierlich höher treibend. Gut und Böse, in Form von Vincent und Neil, existiert hier zuweilen nicht, weil die Intensität weniger in möglichst vielen Verfolgsjagden oder Schusswechseln existiert, sondern in wenigen, präzis gesteuerten Dialogen einen Stereotyp nicht zulässt. Heat ist kein Thriller, kein Drama, kein Cop-Gangster-Streifen. Heat ist einfach Heat. In den richtigen Momenten spürt man es, sieht man es, man hört und fühlt und schwitzt es sogar.

 

Immer weiter baut sich diese fast schon panische Atmosphäre auf, die, so glaubt man, in einer Szene gipfelt, nur um eine halbe Stunde später noch begeisterter zu sein. Heat erzählt eine berührende Geschichte um eine Medaille, die zwei Seiten hat: die eine dreckig und schmutzig, nämlich die Arbeit, die andere noch dreckiger und schmutziger, nämlich das zerbrochene Privatleben. Angetrieben durch die Jahrhundertdarstellungen von Al Pacino und Robert De Niro, der oftmals beängstigt schnellen, dann wieder sensiblen Kameraführung, den vielen Höhepunkten mitten im Film und das unfassbare Ende, erschafft Michael Mann eine Legende von einem Film. Verdammt will ich sein, wenn ich jemals einen besseren Thriller sehe als Heat. Glauben tue ich es nicht, nein, nicht im Angesicht dieses Meisterwerks.

(diese Filmkritik erschien zuerst hier)

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