Das Leiden der Shooter

Gewisse Spiele könnten die Branche verändern. Doch zu inkonsequent gehen sie diesen Weg, um mit stolzer Brust zu sagen: Ich bin besonders! Spec Ops – The Line von dem deutschen Studio Yager hätte so ein Spiel werden können, wenn es nicht so verdammt inkonsequent wäre. Denn objektiv betrachtet ist Spec Ops der mutigste Militär-Shooter, den es je gab: Er behandelt das Thema Krieg auf eine ernste Art und Weise, liefert den Spieler aus an moralisch fragwürdigen Entscheidungen. Spec Ops porträtiert den Krieg in all seinen Schattenseiten, offenbart das Leid der Soldaten. Es liefert so viele Momente, in denen ich mir sage: Bitte lasst es aufhören! Ich reflektiere mein Handeln, hinterfrage meine abgefeuerten Kugeln. Welcher Shooter kann ähnliches von sich behaupten?

Modern Warfare 1:

Modern Warfare 1 ist für mich schlicht einer der besten Shooter aller Zeiten. Weniger, wegen der Geschichte, vielmehr auf Grund der vielen Momente, die mich gepackt haben an der Kehle und sie mir bedingungslos zuschnürten. Die Scharfschützen-Mission in Russland überbietet viele der Genre-Vertreter in Sachen Dramatik und Spannung – wenn eine Armee aus Soldaten und Panzern an dir vorbei fährt, während du stumm und leblos wie eine Leiche im Gras liegst, offenbart das eine so große und intensive Dramaturgie. Auch die Atombomben-Szene geht in ihrer visuellen Art durch Mark und Bein. Dennoch: Die Handlung bietet üblichen Pathos, der in den üblichen Militär-Spielen üblicherweise oft gezeigt und benutzt wird. Der Charakter, den man als Spieler übernimmt, bleibt seelenlos, stumm, hinterfragt nix. Na klar: Mit Modern Warfare 1 öffnete sich das Kriegsszenario der Gegenwart; moderne Kriege und Popcorn-Unterhaltung mit Bezügen zur Realität erreichen die Masse. Aber Akzente setzten in der Darstellung von Leid und Tod? Nein.

Homefront:

Ansätze waren da bei Homefront. Obwohl die Handlung bescheuerter ist als die Biografie einer Eintagsfliege, liefert es die ein oder andere interessante Situation. Ausgangspunkt: Amerika wurde von ganz vielen Koreanern überrannt, die trotz ihrer Schlitzaugen anscheinend doch ganz gut schießen können. Da fährt man anfangs als Gefangener in einem Bus durch die von Korea kontrollieren Städte und sieht mit an, wie Menschen erschossen, verprügelt und misshandelt werden. Besonders tragisch: Die Eltern eines kleinen Mädchens werden an die Wand gestellt und erschossen; danach rennt das Mädchen weinend und schreiend zu ihnen, während sie tot da liegen und von der Geißel Koreas verzehrt wurden. Auch die Szene, in der man sich als Spieler in einem Massengrab versteckt, scheut sich nicht vor Aufregern. Aber all die Szenen und einige andere verlieren an Bedeutung, wenn die zu spielenden Charaktere nicht darauf reagieren. Was nützt es, in einem Meer aus Leichen zu liegen, wenn es hinterher keinen interessiert? Ein kleiner Spruch, uhohoh, das war echt ein bisschen schlimm, aber egal, muss ja weiter gehen, ratatatatatatata, bumm!, was war eben noch mal passiert? Homefront hätte die Branche nach vorn bringen können, versagt aber in der Inszenierung solcher Momente. Schade!

Battlefield, Medal of Honor, SOCOM, Operation Flashpoint und Konsorten:

Trieft und tropft vor Pathos, Propaganda und willenloser Soldaten – schließlich befiehlt es ihr Land.

Da wären wir bei Spec Ops: Obgleich die Handlung einige Lücken aufweist und auch die Spielmechanik konträr geht zur Inszenierung, packt es. Da sind es eben die Momente, in denen der Charakter hinterfragt und abwägt, das Gesehene nochmals abspult, um zu merken: Das war gerade ziemlich scheiße, so ’ne Scheiße! Spec Ops ist nicht frei von Fehlern – im Gegenteil: spielerisch wie technisch hält es kaum mit, von der Problematik zwischen Handlung und Spielmechanik will ich gar nicht erst reden. Aber, und dieses „aber“ ist mächtig groß: Spec Ops ist eines der wenigen Spiele, in dieser Herangehensweise vielleicht sogar das einzige Spiel, das den Krieg so darstellt, wie er letztlich ist: unnötig, unmenschlich. Der Krieg ist eine Droge – mit einem ähnlichen Satz beginnt der Film „Hurt Locker“, und zeigt ganz gut, wie Spec Ops wirken kann: wie eine hässliche, schreckliche Droge, die nichts bringt, außer der Gewissheit, etwas wirklich, wirklich schlechtes zu tun.

Mehr zum Thema lest ihr in meinem neuen Artikel auf Getgaming: klick.

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